{"id":149,"date":"2012-07-15T19:08:32","date_gmt":"2012-07-15T19:08:32","guid":{"rendered":"http:\/\/thomas-hillebrand.de\/?p=149"},"modified":"2015-10-08T17:51:51","modified_gmt":"2015-10-08T17:51:51","slug":"dies-schrieb-ein-new-yorker-taxifahrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thomas-hillebrand.de\/?p=149","title":{"rendered":"Dies schrieb ein New Yorker Taxifahrer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wurde zu einer Adresse hinbestellt und wie gew\u00f6hnlich hupte ich als ich ankam. Doch kein Fahrgast erschien. Ich hupte erneut. Nichts. Noch einmal. Nichts. Meine Schicht war fast zu Ende, dies sollte meine letzte Fahrt sein. Es w\u00e4re leicht gewesen einfach wieder wegzufahren. Ich entschied mich jedoch dagegen, parkte den Wagen und ging zur Haust\u00fcr. Kaum hatte ich geklopft, h\u00f6rte ich eine alte gebrechliche Stimme sagen &#8222;Bitte, einen Augenblick noch!&#8220;<br \/>\nDurch die T\u00fcr h\u00f6rte ich, dass offensichtlich etwas \u00fcber den Hausboden geschleift wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es verging eine Weile bis sich endlich die T\u00fcr \u00f6ffnete. Vor mir stand eine kleine alte Dame, bestimmt 90 Jahre alt. Sie trug ein mit Bl\u00fcmchen bedrucktes Kleid und einen dieser Pillbox H\u00fctte mit Schleier, die man fr\u00fcher immer getragen hat. Ihre gesamte Erscheinung sah so aus, als w\u00e4re sie aus einem Film der 1940 Jahre entsprungen. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Nylon Koffer. Da die T\u00fcr offen war, konnte ich nun auch in die Wohnung spinksen. Die Wohnung sah aus als h\u00e4tte hier \u00fcber Jahre niemand mehr gelebt. Alle M\u00f6bel waren mit T\u00fcchern abgedeckt. Die W\u00e4nde waren v\u00f6llig leer &#8211; keine Uhren hingen dort. Die Wohnung war fast komplett leer &#8211; kein Nippes, kein Geschirr auf der Sp\u00fcle, nur hinten der Ecke sah ich etwas. Einen Karton, der wohl mit Photos und irgendwelchen Glas-Skulpturen bepackt war.<\/p>\n<p>&#8222;Bitte, junger Mann, tragen sie mir meinen Koffer zum Wagen?&#8220; sagte sie. Ich nahm den Koffer und packte ihn in den Kofferraum. Ich ging zur\u00fcck zur alten Dame um ihr beim Gang zum Auto ein wenig zu helfen. Sie nahm meinen Arm und wir gingen gemeinsam in Richtung B\u00fcrgersteig, zum Auto.<\/p>\n<p>Sie bedankte sich f\u00fcr meine Hilfsbereitschaft.<br \/>\n&#8222;Es sei nicht Rede wert&#8220; antwortete ich ihr, &#8222;Ich behandle meine Fahrg\u00e4ste schlicht genauso, wie ich auch meine Mutter behandeln w\u00fcrde!&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh, sie sind wirklich ein vorbildlicher junger Mann.&#8220; erwiderte sie.<\/p>\n<p>Als die Dame in meinem Taxi platzt genommen hatte gab sie mir die Zieladresse, gefolgt von der Frage, ob wir denn nicht durch die Innenstadt fahren k\u00f6nnten.<br \/>\n&#8222;Nun, das ist aber nicht der k\u00fcrzeste Weg, eigentlich sogar ein erheblicher Umweg.&#8220;gab ich zu bedenken.<br \/>\n&#8222;Oh, ich habe nichts dagegen &#8222;, sagte sie. &#8222;Ich bin nicht in Eile. Ich bin auf dem Weg in ein Hospiz.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ein Hospiz?&#8220; schoss es mir durch den Kopf. Schei\u00dfe, Mann! Dort werden doch sterbenskranke Menschen versorgt und beim Sterben begleitet. Ich schaute in den R\u00fcckspiegel, schaute mir die Dame noch einmal an.<\/p>\n<p>&#8222;Ich hinterlasse keine Familie&#8220; fuhr sie mit sanfter Stimme fort. &#8222;Der Arzt sagt, ich habe nicht mehr sehr lange.&#8220;<br \/>\nIch schaltete das Taxameter aus. &#8222;Welchen Weg soll ich nehmen?&#8220; fragte ich.<br \/>\nF\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden fuhren wir einfach durch die Stadt. Sie zeigte mir das Hotel, indem sie einst an der Rezeption gearbeitet hatte. Wir fuhren zu den unterschiedlichsten Orten. Sie zeigte das Haus indem sie und ihr verstorbener Mann gelebt hatten als sie noch &#8222;ein junges, wildes Paar&#8220; waren. Sie zeigte mir ein modernes neues M\u00f6belhaus, dass fr\u00fcher &#8222;ein angesagter Schuppen&#8220; zum Tanzen war. Als junges M\u00e4dchen habe sie dort oft das Tanzbein geschwungen.<\/p>\n<p>An manchen Geb\u00e4uden und Stra\u00dfen bat sie mich besonders langsam zu fahren. Sie sagte dann nichts. Sie schaute dann einfach nur aus dem Fenster und schien mit ihren Gedanken noch einmal auf eine Reise zu gehen. Hinter dem Horizont kamen die ersten Sonnenstrahlen. Waren wir tats\u00e4chlich die ganze Nacht durch die Stadt gefahren?<br \/>\n&#8222;Ich bin m\u00fcde&#8220; sagte die alte Dame pl\u00f6tzlich. &#8222;Jetzt k\u00f6nnen wir zu meinem Ziel fahren&#8220;<\/p>\n<p>Schweigend fuhren wir zur Adresse, die sie mir am Abend gegeben hatte. Das Hospiz hatte ich mir viel gr\u00f6\u00dfer vorgestellt. Mit seiner Mini-Einfahrt wirkte es eher wie ein kleines freundliches Ferienhaus. Jedoch st\u00fcrmte kein kaufw\u00fctiger Makler aus dem Geb\u00e4ude sondern zwei eilende Sanit\u00e4ter die, kaum hatte ich den Wagen angehalten, die Fahrgastt\u00fcre \u00f6ffneten. Sie schienen sehr besorgt.<br \/>\nSie mussten schon sehr lange auf die Dame gewartet haben.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die alte Dame im Rollstuhl platz nahm, trug ich ihren Koffer zum Eingang des Hospiz.<br \/>\n&#8222;Wie viel bekommen sie von mir f\u00fcr die Fahrt?&#8220; fragte sie, w\u00e4hrend sie in ihrer Handtasche kramte.<br \/>\n&#8222;Nichts&#8220;, sagte ich,<br \/>\n&#8222;Sie m\u00fcssen doch ihren Lebensunterhalt verdienen\u00ab, antwortete sie.<br \/>\n&#8222;Es gibt noch andere Passagiere&#8220; erwiderte ich mit einem L\u00e4cheln.<br \/>\nUnd ohne lange dr\u00fcber nachzudenken, umarmte ich sie. Sie hielt mich ganz fest an sich.<br \/>\n&#8222;Sie haben einer alten Frau auf ihren letzten Meter noch ein klein wenig Freude und Gl\u00fcck geschenkt. Danke&#8220; sagte sie mit glasigen Augen zu mir.<br \/>\nIch dr\u00fcckte ihre Hand, und ging ging dem tr\u00fcben Sonnenaufgang entgegen \u2026 Hinter mir schloss sich die T\u00fcr des Hospiz. Es klang f\u00fcr mich wie der Abschluss eines Lebens.<\/p>\n<p>Meine n\u00e4chste Schicht h\u00e4tte jetzt beginnen sollen, doch ich nahm keine neuen Fahrg\u00e4ste an. Ich fuhr einfach ziellos durch die Stra\u00dfen &#8211; v\u00f6llig versunken in meinen Gedanken. Ich wollte weder reden, noch jemanden sehen. Was w\u00e4re gewesen, wenn die Frau an einen unfreundlichen und mies gelaunten Fahrer geraten w\u00e4re, der nur schnell seine Schicht h\u00e4tte beenden wollen. Was w\u00e4re, wenn ich die Fahrt nicht angenommen h\u00e4tte. Was w\u00e4re, wenn ich nach dem ersten Hupen einfach weggefahren w\u00e4re?<\/p>\n<p>Wenn ich an diese Fahrt zur\u00fcck denke, glaube ich dass ich noch niemals etwas Wichtigeres im Leben getan habe.<br \/>\nIn unserem hektischen Leben, legen wir besonders viel wert auf die gro\u00dfen, bombastischen Momente. Gr\u00f6\u00dfer. Schneller. Weiter.<br \/>\nDabei sind es doch die kleinen Momente, die kleinen Gesten die im Leben wirklich etwas z\u00e4hlen.<br \/>\nF\u00fcr diese kleinen und sch\u00f6nen Momente sollten wir uns wieder Zeit nehmen. Wir sollten wieder Geduld haben &#8211; und nicht sofort hupen &#8211; dann sehen wir sie auch.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von <a title=\"Markus Brandl\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/Herr.Socialmedia\" target=\"_blank\">Markus Brandl<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich wurde zu einer Adresse hinbestellt und wie gew\u00f6hnlich hupte ich als ich ankam. Doch kein Fahrgast erschien. Ich hupte erneut. Nichts. Noch einmal. Nichts. Meine Schicht war fast zu Ende, dies sollte meine letzte Fahrt sein. Es w\u00e4re leicht gewesen einfach wieder wegzufahren. 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